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Virtual-Reality-Pionier Jaron Lanier gewährt spannende Einblicke

Das Buch Anbruch einer neuen Zeit

Der Mensch ist ein Wesen das träumen kann. Er träumt vom Fliegen, er träumt davon, ein anderer zu sein, er träumt davon, neue Welten zu erschaffen. Diese Träume werden im Virtuellen, Realität. In seinem Buch: Anbruch einer neuen Zeit – Wie Virtual Reality unser Leben und unsere Gesellschaft verändert, beschreibt Jaron Lanier Virtual Reality als “Hoffnung auf ein Medium, das Träume vermitteln kann.”

Das Betrachten und Interagieren mit virtuellen Inhalten auf Smartphones oder Tablets ist heute eine Selbstverständlichkeit. Neu und ungewohnt erscheint uns hingegen der Umgang mit Virtual-Reality-Headsets, VR-Controllern, VR-Handschuhen oder VR-Westen. Dabei ist die Technologie der virtuellen Realität gar nicht so neu. Schon zu Beginn der Computerisierung, Anfang der 1980er Jahre, gab es Versuche, Virtual Reality marktfähig zu machen, damals zunächst ohne Erfolg.

Dank der Grundlagenarbeit von Jaron Lanier und anderen steht uns heute eine Auswahl bezahlbarer und nutzerfreundlicher Virtual-Reality-Hardware zur Verfügung, auf der nicht nur gespielt werden kann, sondern auch nützliche Business-Anwendungen wie VR-Konferenzen oder CAD-Viewer zum Einsatz kommen. Bis hierhin war es ein langer und weiter Weg. In seinem Buch zeichnet Jaron Lanier diesen Weg nach und gibt gleichzeitig Einblick in sein Leben. Denn das eine lässt sich kaum vom anderen trennen.

Wer ist Jaron Lanier?

Geboren wurde Jaron Lanier 1960 in New York, als Sohn jüdischer Eltern, die vor dem Holocaust geflohen waren. Aufgewachsen in der Wüste von New Mexico, baute er mit seinem Vater ein Haus, das auf seinen eigenen Entwürfen basierte und aus runden Kuppeln bestand. Die Liebe zog ihn in die Nähe des Silicon Valley, wo es ihn schließlich hin verschlug. Der frühe Tod seiner Mutter, welche bei einem Autounfall am Tag ihrer Führerscheinprüfung ums Leben kam, beeinflusste ihn sehr und veranlasste ihn dazu, sich in eine Traumwelt zurückzuziehen. Die Traumwelt wurde zur Grundlage seines Denkens und Strebens, eine virtuelle Realität zu ermöglichen.

Informatiker, Computer-Wissenschaftler und VR-Pionier: Lanier hat nicht nur den Begriff Virtual Reality geprägt, sondern in den 1980ern mit seiner Firma VPL research auch wichtige Grundlagenarbeit geleistet, die Virtual Reality zu dem machen, was es heute ist. Beispielsweise sind Avatare, die digitalen Vertreter der eigenen Person, eine Idee von Lanier. 

Als Social Media Kritiker brachte er u. a. das Buch “Zehn gründe warum du deinen Social Media Account sofort löschen solltest” heraus und ist damit Teil der Debatte um die Datennutzung von Anbietern Sozialer Medien. In diesem Themenbereich wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Lanier ist aber auch Musiker und Künstler. Dieser Teil seines Lebens ist für ihn der zentrale: “I basically think of myself as a musician, and I’ll always have my music.” Jaron Lanier sammelt Instrumente aller Art und stellt an sich selber den Anspruch all diese Instrumente auch grundlegend spielen zu können. Die Kunst ist für ihn ein wichtiges Thema und beeinflusst die Visionen von Lanier im Bezug auf VR sehr stark. 

Das Buch: Anbruch einer neuen Zeit

Der Originaltitel von Laniers Buch lautet: “Dawn of the new everything”, was frei übersetzt bedeutet: “Dämmerung des Neuen Alles.” Das Buch ist eine Mischung aus Autobiografie und der Geschichte der virtuellen Realität. So berichtet Lanier von seiner Kindheit, seinem Weg ins Silicon Valley, der Faszination für Virtual Reality und der Gründung der ersten Firma für VR. Dabei laufen Geschichten, Erinnerungen und Verknüpfungen zur virtuellen Realität im ganzen Buch zusammen.

Direkt zum Einstieg lädt Jaron Lanier den Leser zum Umdenken ein. Er beginnt mit einer fast kindlichen Freude an Bugs in VR und wie diese die Wahrnehmung der Realität verändern. Er schildert das wie ein Drogentrip in die VR und zurück in die Wirklichkeit: “Bugs waren die Träume der virtuellen Realität.” 

Darauf folgt ein fiktives Gespräch mit seinem jüngeren Ich, indem er die anfänglichen Erwartungen an die VR reflektiert und was sich davon erfüllt hat. Lanier schreibt über seine Kindheit, die Schule, seinen Umgang mit Klassenkameraden und Lehrern und das Leben an der grenze zu New Mexico. Als Junge findet er in der Schule ein Buch, in welchem der Garten der Lüste von Hieronymus Bosch abgebildet ist. Dieses Bild ist für ihn Inspiration, wenn es um die Darstellung von Gedanken geht und sein erster Zugang zur Kunst. Die Vorstellung, etwas Irreales darstellen zu können, lässt ihn seitdem nicht wieder los. 

Als weiteres prägendes Ereignis beschreibt er einen Artikel von Ivan Sutherland, dem Erfinder des ersten Head Mounted Display und damit dem Vorläufer der modernen VR-Brille. Dieser Artikel faszinierte Lanier so sehr, dass er sich seither mit Computern und Programmierung beschäftige. Sutherland war für Lanier ein Vorbild, das ihm die Möglichkeit eröffnete, eine virtuelle Realität zu erschaffen.

Ohne Abschluss verlässt Jaron die Schule und schlägt sich zunächst mit dem Verkauf von Ziegenmilch, die er von einer kleinen eigenen Ziegenzucht erzeugt, durch. Er besuchte Kurse und ging bald als normaler Student durch, was ihm das Angebot einer Forschungsstelle einbrachte. Über einige Stationen in Forschung und Studium hinweg, versucht er sich in Manhattan als Musiker, was jedoch am Rauch in den Kneipen scheiterte. 

Die Liebe führt Lanier in Richtung des Silicon Valley, wo er einen festen Job bekommt und das Spiel Mondust bei Atarie entwickelt. Er beschreibt das Silicon Valley in seinen Anfängen, die Restaurants und Bars, in denen Hacker sich austauschen und darüber sprechen wie die Zukunft der Computer aussehen wird, die dort alle mit sich herumtragen. Dabei unterscheidet er klar zwischen dem “alten” Silicon Valley der achtziger Jahre und dem heutigen.

Aufbruch in die virtuelle Realität (VR)

1984 gründete Lanier die erste Firma für VR Hard- und Software: VPL research Ing. “VR ist der humanistischste Umgang mit Daten”, sagt er. In VR geht es darum, Daten erfahrbar zu machen, sei es nun durch VR-Brillen, -Handschuhe, oder ganze Anzüge. Tastatur oder Maus werden dadurch überflüssig. Durch die VR wird das Display unsichtbar und das direkte Eintauchen in die digitale Welt möglich. Es hat schon etwas künstlerisches, drei und mehr Dimensionen darstellen und erleben zu können. Dabei geht es gar nicht darum, die Realität in die VR zu bringen, wie oft angenommen wird, es geht eher darum, etwas Neues zu erschaffen und die Realität zu ergänzen. Um gemeinsam in der virtuellen Realität kommunizieren zu können, wurden bei VPL research erstmals Avatare entworfen und programmiert. Inspiriert durch Bugs experimentierte das Team auch mit ungewöhnlichen Avataren, die keine Menschliche Form mehr hatten. 

Lanier war derjenige, der Virtual Reality als Bezeichnung für die entsprechende Technologie durchgesetzt hat. Das erste mal niedergeschrieben wurde der Begriff allerdings in dem Buch “Das Judas Mandala” von Damien Broderick. “Tatsächlich ist VR das Kind einer langen Reihe von Wissenschaftlern und Unternehmen.”, erklärt Lanier. Um Virtual Reality zu beschreiben, bietet er in seinem Buch 52 Definitionen an. 

Zwei Phasen der virtuellen Realität 

VR-Technologie basiert auf eine Reihe von Erfindungen, wie beispielsweise dem Stereoskop, das im 19. Jhd erstmals die dreidimensionale Darstellung von Bildern ermöglichte. Die Geschichte der VR im engeren Sinne beginnt 1968 mit dem “Sword of Damocles”, welches von Ivan Edward Sutherland und seinem Studenten Bob Sproul entwickelt worden war. Es handelte sich um das erste Head Mounted Display (HMD) und ist damit ein Vorläufer der modernen VR-Brille. Den Spitznamen “Damokles-Schwert” erhielt die Apparatur, weil sie an der Decke befestigt war und entsprechend aussah. Sutherland entwickelte auch das erste Grafikprogramm, welches 3D Zeichnungen am Computer ermöglichte.

Die  erste Phase der VR verlief zwischen 1982 und 1992. Die Entwicklungen von Jaron Lanier und seines VR-Unternehmens legten hierfür den Grundstein. Basteln und Programmieren, das ging damals Hand in Hand. Denn sowohl die Programme, als auch VR-Brillen und Eingabegeräte gab es nicht. Die Pioniere der VR mussten alles selber machen und erkunden, was möglich ist. 

Die Vision war es, ein Programm zu entwickeln, welches das Programmieren von Inhalten von Innen heraus ermöglicht. Mit direktem Feedback in der VR und ohne Codezeilen. Dafür brauchte es die passenden Ein- und Ausgabegeräte. Zu den ersten Eingabegeräten gehörten Datenhandschuhe. Die größere Herausforderung war es jedoch, die Inhalte auf einem Ausgabegerät darzustellen, denn schon damals benötigte man dafür sehr viel Rechenleistung. Mit dem “EyePhone” wurde die erste VR-Brille am Markt eingeführt, welche ohne Gestell auf dem Kopf auskam. Das 50.000 Dollar teure Gerät war vor allem für den Einsatz in Unternehmen und in der Forschung vorgesehen.

Als die Rechenleistung sich verbesserte, wurde mit Datenanzügen experimentiert, um Bewegungen des gesamten Körpers in der VR abbilden zu können. Sogar über die Zunge als Interaktions-Schnittstelle zwischen dem Menschen und dem Programm wurde bei VPL nachgedacht, da diese sehr fein steuern kann. Durchgesetzt haben sich am Ende die und bekannten VR-Brillen als Ausgabe-, und die Controller als Eingabegeräte. Damit war der Grundstein für die zweite Welle der VR gelegt.

Diese zweite Welle der VR, die wir heute erleben, begann 2012 mit der Einführung der modernen VR-Brille von Oculus, dem Unternehmen von John Carmack und Palmer Luckey, das heute zu Facebook gehört.

Laniers Vision von der VR

Jaron Lanier ist vor allem ein Visionär. Seine Vorstellungen prägen die Entwicklung der VR auch heute noch. VR wird die Realität nicht ersetzen, doch je besser die Brillen und Controller bzw. Ein- und Ausgabegeräte werden, um so besser wird die Wahrnehmung und der Vergleich der virtuellen und der realen Realität .

Die Wahrnehmung der Realität verändert sich auch durch die Erfahrungen in der virtuellen Realität. “VR ist die Technologie, die dem Menschen sich selbst enthüllt”, schreibt Lanier. Es geht ihm nicht darum, die Realität darzustellen, sondern darum, neue Realitäten zu entwerfen und die Möglichkeiten der VR zu nutzen. Es sollte also nicht der Anspruch sein, die VR realistisch zu halten. Die Vision von Lanier ist es, Nutzern die Möglichkeit zu geben, in VR ihre eigenen virtuellen Welten zu erschaffen. Dazu braucht es eine Programmiersprache, die auf dreidimensionalen Objekten basiert und nicht auf Text. Er hatte versucht, eine solche Programmiersprache zu entwickeln, doch die Programmierung auf Textbasis hat sich durchgesetzt. Es gibt bis heute keine Alternative, die in Echtzeit in der VR funktioniert. 

Jaron Lanier fasziniert auch die Möglichkeit, in andere Körper zu schlüpfen. Denn die Plastizität des Gehirns ist enorm und die Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen, vorhanden. Dieses Phänomen erforscht Lanier schon sehr lange. So gewöhnt sich ein Nutzer schnell an einen dritten Arm oder kann die vielen Arme eines Oktopoden steuern – und das innerhalb kürzester Zeit. 

Lanier warnt aber auch vor einem möglichen Missbrauch der VR, da durch die Immersion eine Konditionierung oder Manipulation des Menschen erfolgen kann, so wie es mit keinem anderen Medium möglich ist. Diese Warnung lässt Bezüge zu seiner Social-Media-Kritik erkennen, in der er ebenfalls auf die Gefahren der Manipulation hinweist. 

Für Lanier stellt VR vor allem eine Möglichkeit dar, mit anderen Menschen über die Sprache hinaus zu Kommunizieren: “And this is what I call post-symbolic communication, because it means that instead of using symbols to refer to things, you are simply creating reality in a collaborative conversation, a waking-state, intentionally shared dream.“ Und wir sehen heute, dass diese Vision langsam Wirklichkeit wird. 

Fazit 

Anbruch einer neuen Zeit ist ein sehr persönliches Buch über die VR. Die Begeisterung für die vielen kleine Dinge und die virtuelle Realität von Jaron Lanier wirkt ansteckend und zieht den Leser dieses Buches in seinen Bann. Lanier schafft es, mit den Gefühlen des Lesers zu spielen, ihn zum Schmunzeln und zum Lachen zu bringen, ihn in Schönheit schwelgen zu lassen, aber auch eine bedrückte Stimmung zu erzeugen, wenn er beispielsweise über seine frühe Kindheit schreibt, den frühen Tod seiner Mutter oder die Schikanen, denen er als Jude ausgesetzt war. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise in vergangene und in zukünftige Welten und hilft ihm, in die zunächst fremd wirkende Welt der Virtual Reality einzutauchen, einem “Medium, das Träume vermitteln kann.”

Quellen: 

Buch: Jaron Lanier, S. Schmid, H. Schlatterer (2018): Anbruch einer neuen Zeit, Wie Virtual Reality unser Leben und unsere Gesellschaft verändert. Verlag, Hoffmann und Campe, E-Book
Website: Jaron Lanier
Artikel: Jaron, wired
Artikel: Jaron Lanier: VR and the Problem of How We Talk About Tech, medium.
Artikel: The virtual visionary, The Guardian
Podcast: #600: Jaron Lanier’s Journey into VR: “Dawn of the New Everything”, Voices of VR Podcast

Credits:
https://www.flickr.com/photos/jdlasica/982330259/

written by
David Frühauf & Bernhard Schaefermeyer
David und Bernhard entwickelten das Konzept. Bernhard war verantwortlich für die Recherche, die redaktionelle Arbeit und den Rohentwurf. David überführte den Text in die endgültige Fassung.

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